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Topoi Engelsbrand / Orte in der kulturellen Landschaft
Im gedanklichen Feld unserer Geschichte, Kritik und Theorie, in dieser Landschaft, die wir begehen finden wir vermeintlich getrennte Orte, die jedoch durch die Landschaft verbunden sind. Ein Architekt muss in der natürlichen, gebauten und geistigen Landschaft Stellung zu beziehen, einen Ort finden und bearbeiten. Denn er kann nicht anders, das Haus muss an einem Ort errichtet werden. Eine Strategie in diesen sich überlagernden Topographien der Geschichte, Kritik und Theorie Orte zu positionieren und zur Disposition zu stellen ist mein Beitrag mit dem Projekt "Topoi Engelsbrand".
Eine Fluxusbox mit Bildern, Plänen, Texten und Kritik dokumentiert das Projekt, ohne ein Ende finden zu können. Ein Garten wächst in der Landschaft.
Florian Stocker November 2010
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Topoi Engelsbrand
Wohnen im Nordschwarzwald in: BAUKULTUR 2_2010 (S. 22-23)
In Engelsbrand im Nordschwarzwald verwandelte der Architekt Florian Stocker aus Remshalden ein weitläufiges Anwesen in einen philosophischen Landschaftsgarten mit bewohnbaren und nicht bewohnbaren Bauten. Während die Sanierung und Erweiterung des Bestandsgebäudes bereits seit 2008 abgeschlossen sind, ergänzt seit Sommer 2009 ein neues Wohnhaus das Ensemble.
Bestandsbau „Panta Rhei“
Mit dem Auftrag, das elterliche Wohnhaus zweier Brüder zu sanieren und zur Landschaft zu öffnen, begann im Jahr 2007 die Planung für das 98 a umfassende Grundstück. Das zum Großteil verschlossene und kleinteilige Bestandsgebäude wurde hierfür in zwei Hälften getrennt.
Durch den Hauptteil wurde eine 19 m lange brückenartige Holzplattform geschoben, in deren Schwerpunkt ein skulpturaler Kamin und die Küche den Mittelpunkt des Gebäudes bezeichnen. Durch Faltungen und Klappen finden in der Plattform die Küchengeräte, eine Bar, eine Sommerküche und Liegeplätze auf den Decks ihren Platz.
Der kleinere Gebäudeteil, das Wandelhaus mit den privaten Räumen, wurde um eine Raumeinheit verlängert. Es passt sich den ändernden Bedürfnissen der Familie an. Das Wandelhaus wird im Außenbereich von einem 30 m langen Holzsteg begleitet, der zum Schwarzwaldhorizont fluchtet. Der Wandelgang im Innern nimmt diese Leichtigkeit mit einem Tatamimattenbelag (Reisstrohmatten) auf. Gang und Steg verschmelzen durch eine klassische Stützenreihe hindurch.
Die 26 m lange Empfangsachse mit Glasdach und Wasserspielen wurde beibehalten und durch eine Lichtachse im Boden unterstrichen.
Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurde ein Bachlauf durch das Gebäude geleitet, der die Außenräume durch das Haus hindurch verbindet. Die beiden getrennten Gebäudeteile werden mit einer gläsernen Brücke, über den Bachlauf hinweg, wieder verbunden. Gänge und Wegachsen begleiten das Gelände durch das Haus. Heute fasst das Bestandsgebäude mit künstlicher Landschaft das ausgedehnte Gelände.
„Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,Ach, und in dem selben Flusse,
Schwimmst du nicht zum zweitenmal“
(Johann Wolfgang von Goethe nach Heraklit)
Wohnhaus „Hexaeder“
Nach der Erweiterung des elterlichen Wohngebäudes wurde zwei Jahre später der Bau eines weiteren Wohnhauses erforderlich. Der im Sommer 2009 fertig gestellte Neubau bildet an der tiefsten Stelle des Hanggrundstücks gewissermaßen den Auftakt zum Gelände.
Das Gebäude ist als mathematisch exakter Sichtbetonwürfel aus hellem Hochofenzement hergestellt. Die Sichtbetonaußenschalen mit regelmäßigen Schalungsankern formen den leicht überhöhten, in seiner Außenwirkung streng anmutenden Würfel. Im verspielten Innenraum wechseln sich niedrige Geschosse mit hohen Lufträumen über zwei Geschosse ab. Die hellen Räume werden über große zweigeschossige Minimalfenster und gebäudehohe Lichtschlitze belichtetet. Persönliche kleinteilige Ausbauten - ein Arbeitsplatz in der begehbaren Bibliothek, eine in die Kaminecke integrierte Sitzbank oder eine Sitznische im Bad - schaffen Rückzugsräume im alle Geschosse durchdringenden Raumkontinuum, bis hin zu einem dunklen Tatamimattenraum mit meditativem Charakter. Es wurden umfangreiche Schreinerarbeiten als integraler Bestandteil des Gebäudes ausgeführt. Treppenläufe gewendelt und gerade führen in einer weichen Choreografie aus dem Garagengeschoss auf die Aussichtsterrassen. Holz einer 200-jährigen durch Blitzschlag vor Ort gefällten Eiche, lokaler Maulbronner Sandstein und weitere lokal gewonnene Materialien fanden beim Ausbau Verwendung. Die Fertigstellung des Rohbaus wurde zum Ende der Sonnenfinsternis am 8.7.2008 um 12.15 Uhr mit einem Richtfest gefeiert.
„Der Stoff sehnt sich der Form entgegen“
(Heinrich Wölfflin nach Aristoteles)
Philosophischer Landschaftsgarten
Die heimische geschützte Flora wird vom „wilden“ Naturraum (Bosco) zum artifiziellen Garten (Boskett). Gewässer im natürlichen Verlauf versorgen bzw. geben den Raum für verschiedene Weiher, Becken und ein Schwimmbecken. Sie werden im natürlichen Tiefpunkt des Geländes, am Beginn der künstlichen Landschaft, in einer Rigole gefasst und ihrer Nutzung auf dem Gelände zugeführt.
Zum Zeitpunkt Sonnenaufgang Sommersonnenwende scheint die Sonne durch eine freigelegte ca. 250 m lange Geländeachse. Verschiedene landschaftliche „Follies“ finden neben den beiden Wohnhäusern ihren Platz im landschaftlichen Bezug und stecken einen philosophischen Garten ab:
a. Die Falsifikationsschaukel schwingt als 7 m hohe Kettenschaukel auf der Achse der Sommersonnenwende. Sie führt ein archaisches Experiment mit dem eigenen Körper durch und prüft unser Denken: „Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen“ (nach Karl Popper).
b. Die Villa Anseri als romantisches Relikt, mit der eine klassische Vergänglichkeit in den Garten einzieht, hinter der sich ein Gänsestall verbirgt: „Et in arcadia ego“ (nach Giovanni Francesco Barbieri).
c. Die Feuerstelle in der Wildnis als Tetraeder: „Der Mensch ist Nachbar des Seins“ (nach Martin Heidegger).
d. Das Mikrogefüge im wilden Biotop als Oktaeder aus Cortenstahl: „Alles ist Zahl“ (nach Platon/ Pythagoras).
e. Die rationale Sommersonnenwendachse: „Cogito ergo sum“ (nach Descartes).
f. Steinsetzung mit den am Ort gebrochenen Felsen schaffen Orte in dem sich verwandelnden Gelände.
Die Landschaft wird begleitet von der Suche nach der „quinta essentia“ mit Hilfe einer poetischen Wissenschaft, nach dem fehlenden fünften Element eines von der rationalen Wissenschaft geprägten Weltbildes.
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Geometrie der Sehnsucht
Wir bauen Ruinen[1]. Das Modell unseres Weltbildes ist nicht abgeschlossen und mit baulichen Mängeln behaftet. Vier[2] plus eins oder 117[3] plus eins, das fehlende Element ersehnen wir und es gibt uns Rätsel auf. Wir bauen die größte Maschine der Welt[4] um dem bunten Teilchenzoo dass ersehnte Higgsbosom hinzufügen zu können, welches beachtliche fehlende 73 % der existierenden Materie erklären soll, die „Quintessenz“ des Universums[5]. In Wissenschaft und Philosophie wird Terrain gewonnen, welches in der wissenschaftlichen Landschaft Meilensteine absteckt. Das was unser Universum zusammenhält fehlt - die Quintessenz, immerhin. Von Stonehenge bis zum Large Hadron Collider, wir bewegen uns auf den rasenden Kreisbahnen der sehnsuchtsvollen Erkenntnismaschinen unserer zweiten Schöpfung und kommen dem Ziel nicht entscheidend näher. Unser Wissen bleibt ein kritisches Raten á la Popper[6]. Bleibt die Wohnmaschinerie unserer künstlichen Bauten auf dieser geistigen Kreisbahn? Selbstverständlich, da auch unsere Gebäude letztendlich dem Erkenntnisgewinn dienen müssen, jedoch sind sie dazu verdammt in der physischen Welt Stellung zu nehmen. Sie setzten sich beidem aus, der Hoffnung unserer Träume, sowie dem Wohnen in der Welt. Dem rationalen Rätseln und dem herzerfüllten Sehnen. Unsere Architektur ist zum Scheitern verurteilt, ein Scherbenhaufen unserer Hoffnung in dem wir wohnen, ausgerüstet mit nanobeschichteten Lotuseffekttoiletten und superdünnen und hocheffizienten chipkontrollierten Vakuum Isolationspaneelen.
Ob zynisch in Diogenes Tonne[7] oder im „Quaestiones gestähltem“ Farnsworthhaus von Mies van der Rohe[8], wir suchen einen Ort in dem wir unser Haupt zu Träumen betten können.
Was bleibt der Architektur? Je perfekter wir planen, desto erschütternder ist der Rest, der unser Versagen dokumentiert. Unsere Häuser sind im besten Fall eine gut gestellte Frage.
Als sich das Weltbild noch auf vier Elemente[9] beschränkte hatte diese Sehnsucht, das alles verbindende, eine Geometrie im fünften Element als Dodekaeder[10] - hoffnungslos veraltet, aber der Versuch einer Topologie[11]. Was für eine Form könnte die Topologie der Sehnsucht nun annehmen, eine Anlehnung an die Ruine der Romantik, die im besten Fall nur das ausdrücken kann was fehlt, die Differenz als Projektion unserer Sehnsucht[12]? Wäre eine Architectura Perennis[13] der Versuch, der Frage nach dem Unerforschten, dem Fehlenden, der Quintessenz Raum zu geben? Geben wir hier der Frage oder der Antwort Raum? Eines ist gewiss, wir bewohnen diesen Raum nicht allein, in der Nacht, geschützt vor Regen und Kälte.
Florian Stocker
[1] Nach Bazon Brock Die Ruine als Modell der Differenz
[2] Vier Elementelehre nach Empedokles
[3] Science Ticker 7.4.2010: “Die Entdeckung von Element 117 krönt jahrzehntelange Bemühungen, das Periodensystem der Elemente zu erweitern und das nächste Kapitel der Erforschung schwerer Elemente aufzuschlagen”,
[4] Spektrum der Wissenschaft 2008 Sonderheft Teilchenjäger und kosmische Grenzgänger, Entdeckungsmaschnine der Superlative zum Large Hadron Collider am CERN Genf
[5] Spektrum der Wissenschaft 3/2001: Die Quintessenz des Universums
[6] nach Karl Popper, "Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen.", Logik der Forschung, Vorwort, 3. Auflage
[7] Über Diogenes von Sinope Übersetzungsfehler nach Seneca, Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, s.70
[8] Zu Mies van der Rohes Verhältnis zur Scholastik siehe: Mies van der Rohe. Das kunstlose Wort, Berlin 1986 (englische Ausg. Cambridge,/London 1992;
[9] Siehe 1
[10] Siehe Platonische Körper
[11] Siehe Topologie in Philosophie als philosophische Theorie des Ortes bzw. Feldes und in der Geometrie als „Anschauungsraumes“ der Elementargeometrie
[12] siehe 2
[13] Siehe Architectura Perennis, Jože Plečnik 1941, nach dem Gedanken einer Philosophia Perennis einer immerwährenden Philosophie, derzufolge sich bestimmte philosophische Einsichten über Zeiten und Kulturen hinweg erhalten (perennieren).
The Tempest
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ARIEL
I drink the air before me, and return
Or ere your pulse twice beat.
...
by William Shakespeare